Philosophie und die sekundäre Lebensdimension

Beim Schreiben des „Über mich“-Teils habe ich darüber nachgedacht, was philosophieren für mich eigentlich heißt, und was es eigentlich bringt. Da ich dafür aber nicht zu weit ausholen wollte, möchte ich mich hier der Fragestellung in einem eigenen Beitrag widmen.

Was ist Philosophie?

Philosophie, wie man sie aus Büchern kennt, wird meist in zwei Arten unterschieden: historische und systematische. Die historische Philosophie versucht Werke von Philosophen zu lesen, um deren Gedanken so gut es geht zu rekonstruieren und sie in den Kontext ihrer Epoche einzuordnen. Die systematische Philosophie hingegen betrachtet ein Thema (bspw. Glück) und untersucht Positionen verschiedener Philosophen dazu, um schließlich deren Argumente gegeneinander abzuwägen.

Meines Erachtens gehört die historische Philosophie so sehr zu Philosophie wie historische Musikwissenschaft zu Musik. Natürlich hat jede Disziplin eine Historie, die betrachtet werden kann, aber von der Methodik betrachtet handelt es sich um reine Geschichtswissenschaft.

Systematische Philosophie ist das, was ich unter Philosophie verstehe, da es die Methode des Argumentierens verwendet, um Wahrheit zu erkennen. Dennoch ist die Praxis der Philosophie sehr stark von der Philologie durchdrungen, weshalb ich lieber vom Philosophieren spreche, um klar zu verbalisieren, dass es mir um den Akt des Nachdenkens geht und nicht um das Lesen von philosophischen Werken.

Aber zurück zur Frage: Was ist Philosophie(ren)?

Ich habe in „Über mich“ geschrieben, dass Philosophie bedeutet, die Welt mit den Augen eines Kindes zu betrachten. Aber das trifft es vielleicht nicht ganz. Denn ich setze mich ja nicht hin, versuche all mein Wissen auszublenden und denke über irgendwelche Dinge nach, um so zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Es ist eher so, dass ein philosophischer Mensch in meinem Sinne durchs Leben geht, aber nicht nur die Dinge an sich sieht, sondern auch das betrachtet, was dahinter steht. Das mag klingen wie etwas außergewöhnliches, ich meine aber etwas ganz triviales, was in jedem Menschen steckt. Ich meine zum damit zum Beispiel, wenn jemand einen Obdachlosen sieht und ihm etwas Geld gibt und sich dann überlebt, dass wenn jeder, der an diesem Obdachlosen vorbeiläuft nur einen minimalen Betrag spenden würde, sehr schnell eine große Summe an Almosen zusammenkäme. Oder auch, wenn sich jemand fragt, ob ihm sein Job eigentlich Spaß macht, und sich überlegt, was überhaupt die Dinge sind, die ihm Spaß machen.

Ich würde behaupten, dass Philosophisch-Sein kein schwarz-weiß Begriff ist. Man ist nicht entweder philosophisch oder unphilosophisch. Jede Art von Refklektion, über sich, über die Menschen, die Gesellschaft die Welt oder was auch immer, ist in gewissem Sinne philosophisch, da sie ein „was wäre, wenn…“ beinhaltet. Philosophisch-Sein ist also ein gradueller Begriff und der Grad des Philosophisch-Seins ist quasi, wie krass man dieses „was wäre, wenn…“ denkt. Jeder Mensch reflektiert z.B. über seine Situation: „Was wäre, wenn ich jetzt nicht aufstehe sondern mich nochmal im Bett umdrehe?“ – ein diesem Sinne ein philosophischer Gedanke. Manche Menschen reflektieren aber noch mehr als nur ihre Situation, sondern sie stellen gleich ganze Strukturen, Lebensweisen, Normen, physikalischen Gestze etc. in Frage, und demnach würde ich sie als mehr philosophisch als andere bezeichnen.

Die sekundäre Lebensdimension

Und dieses „mehr philosophisch sein“ bezeichne ich, als die sekundäre Lebensdimension. Was meine ich damit? Nun ich denke Menschen sind vieles, aber vor allem auch faul. Der Ottonormalverbraucher treibt also durchs Leben, kauft die Lebensmittel, die am günstigsten und am besten greifbar sind, er kauft die ersten Klamotten, die ihm gefallen und den Fernseher, der am besten in sein Wohnzimmer passt. Ich will niemanden angreifen, der das tut. Wir alle tun Dinge, die für uns einfach sind. Aber ich glaube, dass hinter vielen Dinge weitreichendere Konsequenzen stecken, denen man sich nicht immer bewusst ist. So ist der Kauf von sämtlichen Konsumgütern immer eine Beeinflussung des Marktes. Ich kaufe nicht nur günstige Lebensmittel, ich unterstütze damit Lebensmittelanbieter, die günstige Lebensmittel produzieren. Dasselbe gilt für Kleidung und alle anderen Kaufentscheidung, die immer ökonomische Auswirkungen haben. Aber dasselbe gilt auch für Handlungen. Ob ich meinem Partner fremdgehe oder nicht, ist zwar eine Sache zwischen uns zweien, aber ich entscheide mich in gewisser Weise für zwei Werte, die ich in der Gesellschaft verbreite. Verbreite ich Treue und Vertrauen oder Untreue und Opportunismus? Mit meiner Handlungsentscheidung beeinflusse ich die Art wie mein Partner andere Menschen wahrnimmt. Wenn ich ihn enttäusche, wird er vielleicht auch von anderen Menschen annehmen, dass sie ihn enttäuschen. Und wenn mein Partner neue Menschen kennenlernt und er ihnen prinzipiell misstraut, werden sie es merken und auch davon beeinflusst werden. Und auch all die Menschen die davon hören, ob ich fremdgehe (oder auch falls nicht), nehmen das auf und es beeinflusst ihre Sicht der Dinge.

Man kann sagen, dass dieser Einfluss minimal ist. Aber wie ich gerade versucht habe zu zeigen, ist die Anzahl der Menschen, die eine solche Entscheidung mitbekommen nicht zu unterschätzen. Und auch wenn der jeweilige Einfluss minimal ist, so ist über mein Leben gerechnet die Summe meiner Einflüsse doch sehr groß. Hinzukommt, dass ich nie der einzige bin, der sich für einen gewissen Wert entscheidet. Millionen von Menschen tun das jede Sekunde, und wenn sich jeder für Treue entscheidet, ist der Einfluss auf die Welt enorm.

Wenn einem dieser Punkt klar geworden ist, ist hoffentlich auch verständlich geworden, was ich mit sekundärer Lebensdimension meine – nämlich sich genau diese Gedanken zu machen und zu erkennen, was hinter meinen Handlungen und Konsumentscheidungen steht. Die sekundäre Lebensdimension zu sehen, heißt, die Dinge nicht für sich zu betrachten, sondern sie mit allen anderen Dingen verbunden zu sehen, mit denen sie in Wechselwirkung stehen. Ich überlege mir „was wäre, wenn …“ ich das jetzt kaufe, was wenn ich es nicht kaufe. Was, wenn ich jetzt fremdgehe, was wenn nicht. Was wäre, wenn jeder Mensch ein bisschen mehr altruistisch wäre? Was wäre, wenn sich in Europa nicht der Kapitalismus durchgestzt hätte? Was wäre, wenn Europa damals nicht die halbe Welt kolonialisiert hätte?

Philosophisch-Sein und die zweite Lebensdimension zu sehen, heißt also die Welt abstrakter zu sehen, als sie sich uns zeigt. Es heißt über den Tellerrand zu schauen, Konsequenzen und größere Zusammenhänge zu sehen und vorhandene Denkmuster infrage zu stellen. Vor allem letzteres ist das, was ich damit meinte, die Welt mit den Augen eines Kindes zu betrachten.

So singt es übrigens auch  Peter Maffay in „Ich wollte nie erwachsen sein“ aus „Tabaluga“ 😉

 

 

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