Über den Mensch, die Gesellschaft und eine neue Wirtschaft

In diesem Beitrag soll es darum gehen wie eine ökonomische Demokratisierung, gleich der politischen Demokratisierung im Zuge der Aufklärung, unsere Wirtschaft grundlegend verändern könnte. Außerdem werde ich dabei darauf eingehen, welches charakteristische Verhalten sich bei Menschen beobachten lässt.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.



Dieses, wenn auch noch so überstrapazierte Zitat von Immanuel Kant, beschreibt einen der fundamentalsten Wandel in unserer Gesellschaft – nämlich die Politisierung der Massen. Wobei, eigentlich beschreibt es ein zeitloses Phänomen, dass sich in unendlich vielen Bewegungen wiederfinden lässt.

Was ist der Mensch?

Nun, keine einfache Frage. Ich will hier auch gar nicht darüber nachdenken, was den Mensch vom Tier unterscheidet, sprich was ihn einzigartig macht, sondern rein deskriptiv ein paar Eigenschaften des Menschen herausstellen, die ich im Kontext von Gesellschaften als besonders wichtig empfinde.

Das Zitat von Kant beschreibt eine dieser Eigenschaften: Die Trägheit, oder das Verlangen nach Sicherheit. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Der Mensch ist aber auch ein Rudeltier. Er war noch nie ein Einzelgänger. Auch, als er noch nicht sesshaft war, bewegte er sich stets in Sippenverbänden, die schon rudimentäre Formen von Arbeitsteilung verwirklichten (sogenannte Jäger und Sammler). Man kann es auch an unseren Vorfahren den Affen sehen, dass wir von Natur aus sehr soziale Wesen sind. Auch wenn diese Gesellschaft viele Vorteile hat, das Blöde ist immer, dass die anderen anders denken als man selbst. Man kann nicht mehr alles tun wie es einem passt. Tada, schon haben wir gezeigt, dass Kants Zitat über den Gebrauch des eigenen Verstandes versus der laissez-faire Attitüde ein grundlegendes Phänomen von menschlichem Zusammenleben ist. Denn sobald es auch nur eine andere Meinung außer meiner eigenen gibt, stellt sich immer die Frage: Beharre ich auf dem, was ich für richtig halte, bis zum bitteren Ende oder lehne ich mich zurück und überlasse dem Anderen das Denken?

Natürlich ist die Entscheidung nie so radikal. Und es ist ja auch nicht so, dass alle Menschen permanent die Entscheidungen anderen überlassen, das will ich gar nicht sagen. Meine Beobachtung ist nur, dass auch für den Menschen Newtons erstes Axiom gilt:

Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe […], sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.

Das bedeutet, dass der Mensch per se der Gewohntheit folgt und allen gesellschaftlichen Konventionen gerecht wird. Ich ziehe meine Hose über die Beine an und setzt sie nicht auf den Kopf (was ich ja genauso gut tun könnte), ich falte die Wäsche so wie Papa es mir gezeigt hat und frage auch keinen Obdachlosen, dem ich Almosen geben will, ob er einen Fünfziger wechseln kann. Macht man eben nicht. Ich verharre träge im Zustand des mir Bekannten, weil ich mich dabei sicher fühle. Evolutionstechnisch vollkommen korrekt, denn so überlebe ich am wahrscheinlichsten. Alles Unbekannte ist potentielle Gefahr. Jetzt kommen aber Menschen an und erzählen mir, dass man Wäsche noch viel besser zusammenlegen kann. Bei Wäsche, würde ich mich vielleicht noch überzeugen lassen, aber wenn es darum geht, wie ich meine Arbeit mache oder wie ich Auto fahre, werde ich wohl verärgert sein. Ich wäre wütend auf den anderen, will mich nicht von ihm bevormunden lassen. Außerdem ist so wie ich Auto fahre sowieso besser. Der Andere hat ja keine Ahnung.

Das ist das, was passiert. Ich lehne das Neue erst einmal ab. Warum sollte ich es auch annehmen? Ich fahre schon seit Jahren so Auto und es hat sich bisher noch nie jemand beschwert, also kann es ja nicht schlecht sein. Außerdem kann ich diesen Fahrstil sehr gut und mich an etwas anderes zu gewöhnen, würde mich viel Zeit und Energie kosten. Vollkommen berechtigte Argumente. Trotzdem kann es natürlich sein, dass es die Zeit und die Energie wert ist, weil der neue Fahrstil erheblich besser, sicherer und sparsamer ist.

Die Trägheit der Gesellschaft

Wie wir gesehen haben ist jeder einzelne von uns träge. Angenommen es gibt nun eine Neuerung, die erhebliche Verbesserungen bringt. Damit sie sich aber in der Gesellschaft durchsetzt, muss tausende von Male die Energie aufgebracht werden, Menschen von ihrer Gewohneit weg zum Neuen zu bewegen. Jedes einzelne Mal wird Energie benötigt, den anderen solange zu überreden, bis er einsieht, dass der Mehrwert des Neuen den Aufwand es zu lernen wert ist. Sehr oft wird dieses Überzeugen nicht gelingen.

Deswegen sind Veränderungen in der Gesellschaft noch träger. Mitunter kann es jahrzente dauern, bis sich gewisse Dinge durchsetzten. Beispiel Internet. Die jüngste Generation kann sich ein Leben ohne nicht mehr vorstellen, während alle älteren Generationen mehr oder minder erfolgreich versuchen damit irgendwie klarzukommen. Am besten ist es dabei, wenn sie eine kritische Masse entwickeln, das heißt, dass die neue Idee zum einen so überzeugend ist, dass die Menschen schnell einsehen, dass sie besser ist, und zum anderen, dass genügend Menschen das Neue verfechten und es an andere weitergeben, sodass die Neuerung schnell auf einen Großteil der Bevölkerung überschwappt.

Diese kritische Masse besaß die Neuerung das politische Geschehen aktiv mitzubestimmen im 18. und 19. Jahrhundert in Europa. Während dieser Zeit geschah es wie auch immer, dass trotz aller Trägheit Massen von Menschen begeistert waren einen Nationalstaat zu gründen und für ihre Rechte zu kämpfen. Dieser Zeit verdanken wir das Privileg von politischer Partizipation. Für jeden. Jeden einzelnen. Aber das war keine notwendig Entwicklung. Es ging auch vorher gut ohne politische Partizipation, und das für hunderte von Jahren. Dennoch ist es passiert, dass sich die Menschen erhoben haben. Erhoben über die eigene Gewohntheit und erhoben gegen die vorherrschenden Umstände. Und ganz im Kant’schen Sinne haben sie sich ihres Verstandes bedient und die Welt verändert.

Renaissance der Aufklärung

Meine Behauptung ist nun, dass es wieder einmal so weit ist. Es ist wieder einmal soweit, dass wir eine alte Gewohnheit aufgeben müssen und die Energie aufbringen etwas zu verändern und ich kann nur hoffen, dass es die nötige kritische Masse erreicht, um sich durchzusetzten. Wovon ich rede ist die Demokratisierung der Wirtschaft. Denn die derzeitigen Machtverhältnisse erinnern eher an mittelalterliche Strukturen. Eine handvoll Grafen, Fürsten und anderen Adeligen (Unternehmen) mit viel Land (Marktanteil und Marktmacht) diktiert die Ordnung der Gesellschaft so, wie es ihnen am vorteilhaftesten erscheint. Zwar gibt es heute ein demokratisches Politikwesen, was die Befugnisse der Unternehmen in die Schranken weist und ihnen Regeln auferlegen kann. Jedoch wird diese Kontrolle unter anderem durch Lobbyarbeit und wirtschaftliche Eigeninteressen der Politiker unterlaufen.

Aber was hat das mit mir zu tun? Nun, früher hieß es der Kund ist König. Gewissermaßen sind wir das immernoch, weil wir per se als Konsumenten mit unseren Konsumentscheidungen Einfluss ausüben. Wenn wir zum Beispiel kollektiv als deutsche Bürger von heute auf morgen beschließen, dass uns das Benzin zu teuer ist und vollkommen aufs Tanken verzichten, würde das die deutsche Ölindustrie unweigerlich zu einer Reaktion zwingen. Wir sind also in diesem Sinne keine unmündigen Bürger dieser Wirtschaft. Wir können wählen, was wir kaufen und damit besteht grundsätzlich eine Demokratie.

Jedoch ist Demokratie nicht gleich Demokratie. Die DDR nannte sich auch Demokratie. Und was konnte man wählen? SED oder Gefängnis. Selbiges Problem stellt sich uns auch. Am Beispiel Benzin wird klar, dass wir nicht dauerhaft nicht Tanken können. Öl ist auf eine gewisse Art ein essenzielles Bedürfnis in der heutigen Gesellschaft. Wir brauchen also Öl. Was wir nun tun können ist zwischen den Anbietern wählen. Also zum Beispiel nicht mehr bei Aral tanken, weil die Preise zu teuern sind (und der Mutterkonzern BP alle Weltmeere mit Öl verseucht). Wenn das genügend Leute machen, wird Aral merken, dass etwas falsch läuft, die Preise senken und man kann wieder dort tanken.

Wenn mir aber nicht nur Aral, sondern auch Shell, total und alle anderen zu teuer sind, habe ich ein Problem. Dasselbe Problem habe ich, wenn ich finde, dass Hühner nicht in Batteriehaltung leben sollen, es aber keine Anbieter gibt, die ihre Hühner nicht in Batterien halten. Ich brauche also Alternativen, durch die ich meine Änderungswünsche ausdrücken kann. Bloß warum sollte so eine Alternative entstehen? Batteriehaltung ist günstiger, also wird kein Unternehmen von sich aus auf die Idee kommen Hühner in Freilandhaltung zu halten. Was passieren muss, ist, dass überzeugt ist, dass Batteriehaltung schlecht ist, und dass viele andere es auch schlecht finden, und ein Unternehmen gründet, dass Eier von Hühner aus Freilandhaltung anbietet. Aber er wird nie sicher wissen, dass genügend andere Menschen eine Ansicht teilen und es ihnen der höhere Preis wert ist bessere Eier zu bekommen. Er muss es wagen, gegen den Strom zu schwimmen und den Status quo infrage zu stellen, sonst werden die Hühner fortwährend nur in Batterien leben.

Nun, was hat das aber jetzt mit Demokratisierung zu tun? Was ich mit den mittelalterlichen Machtverhältnissen meinte, ist, dass eine kleine Menge von großen Konzernen eine enorme Macht über den Markt haben und diesen beeinflussen können. Das beste Beispiel dafür ist die Lebensmittelbranche oder auch das Drogeriegeschäft. Nestle, Coca Cola Company, Unilever sind Beispiele für Unternehmen, die hinter viel mehr Produkten stehen, als wir erwarten. Große Unternehmen mit monopolartiger Stellung können sowohl die Preise für uns bestimmen, als auch die Preise für die sie die Ware von Produzenten einkaufen, da die Produzenten darauf angewiesen sind, dass die Großunternehmen ihre Ware abnehmen. Die Unternehmen bestimmen aber auch, wie sie die Ware verarbeiten und wie sie sie bewerben. Was dabei in der Realität de facto passiert, ist, dass Unternehmen minderwertige Ware durch enormen Marketingaufwand so inszenieren, dass die Konsumenten bereit sind die Ware zum Preis von hochqualitativen Produkten zu kaufen. Das meine ich damit, dass etwas falsch läuft und wir eine Veränderung brauchen.

Wie können wir daran etwas ändern? Ganz einfach: Bewusster kaufen, Alternativen schaffen. Wie gesagt, wir können wählen, was wir kaufen. Das demokratische Instrument steht jedem zur Verfügung. In erster Linie kann jeder einzelne beim Kaufen bewusster dieses Instrument nutzten und die Ware kaufen, die seinen Vorstellungen von nachhaltiger Wirtschaft oder fairer Erzeugung entspricht. In zweiter Linie, und das ist für mich eigentlich das wichtigere, ist es notwendig Alternativen zu schaffen und sie gegen die vorherrschenden Unternehmen zu behaupten. Eine Demokratie ist nur dann besser als eine Autokratie, wenn es auch genügend Wahlmöglichkeiten gibt, um etwas zu verändern. Wenn die Wahl nur zwischen Oligarch 1, Oligarch 2 oder Oligarch 3 besteht, bringt uns die Demokratie nichts. Was wir brauchen, sind mehr Unternehmen, die es wagen besser zu wirtschaften, indem sie nachhaltiger oder fairer sind. Nur so können wir einen Pluralismus schaffen, der es ermöglicht, dass jeder gemäß seinen Wertvorstellung einkaufen kann und dementsprechend der Konsum, die Ansichten der Bevölkerung widerspiegelt und nicht – wie im Moment – Meinungen unterdrückt werden.

 

Um das Ganze abhschließend zusammenzufassen: Menschen sind Gewohnheitstiere und lehnen von Natur aus Veränderung ab. Trotzdem brechen sich Veränderungen eine Bahn, wenn sie genügend Überzeugungskraft besitzen, um die Menschen von ihren gewohnten Strukturen wegzubewegen. So wie in der Politik das Wählen das Mittel ist, um das politische Geschehen anhand der Ansichten der Bürger auszurichten, sind Konsumentscheidungen das Pendant in der Wirtschaft. Dazu bedarf es aber, dass mehr Menschen diese Entscheidungen bewusst treffen, aber vor allem, dass es mehr Wahlmöglichkeiten gibt. Es ist notwendig neue Unternehmen zu gründen, um mehr Pluralismus zu schaffen, und darüberhinaus, um bessere Produkte zu schaffen. So könnten wir die Wirtschaft demokratisieren und für mehr Machtgleichheit sorgen, sodass sich gutes ökonomisches Verhalten durchsetzen kann und die Herrschaft derer, die Profit auf Kosten des Rests der Gesellschafts maximieren, beendet werden.

Meine Inspiration für diese Erkenntnisse stammen aus dem sehr empfehlenswerten Buch: „Wir sind das Kapital“ von Günter Faltin