Virtuelle Realität – Eine etwas andere Sichtweise

Was ist Virtual Reality?

Virtuelle Realität ist in aller Munde. Das Modewort bezeichnet Technik, bei der ein Benutzer meist mit überdimensionalen Brillen in eine künstlich erschaffene Realität versetzt wird und dort nach Belieben die Beschaffenheit dieser Welt entdecken kann. Diese Idee finden ganz verschiedene Leute attraktiv: Gamer und Spieleentwickler, die sich auf ein realistischeres Spielerlebnis freuen, Reisefreunde und Reisebüros, die sich ihre Reiseziele damit schon im Wohnzimmer anschauen können, Geschichtswissenschaftler aller Art, die damit in vergangene Zeiten eintauchen können und zu guter Letzt auch jede Menge Forscher, die ihren Probanden die komischsten Dinge vorgaukeln können und ihre Reaktionen messen.

Hinter dem Begriff der virtuellen Realität (VR) versteckt sich jedoch viel mehr als bloß der letzte Schrei der Technik. Vielmehr ist es eine Idee, die schon sehr alt ist – vielleicht sogar so alt wie die Menschheit selbst, denn allein der Gedanke „was wäre, wenn…“ impliziert die Vorstellung einer Wirklichkeit, die von der „realen“ abweicht. Wir erschaffen uns also schon während alltäglichen Denkprozessen virtuelle Realitäten, aber auch die Phantasie und das Träumen könnte man als einfachste Formen der Wirklichkeitserschaffung betrachten, die den Menschen seit jeher bekannt sind.

Warum gibt es also im Moment einen solchen Hype, wenn die Sache an sich so alt ist? Nunja, der Hype gilt wohl den Virtual-Reality Brillen, also der Technik an sich, die verspricht die virtuelle Welt realistischer denn je darzustellen. Denn sowohl beim Phantasieren, wie beim Träumen genügt es die Augen zu öffnen, um zu erkennen, dass das Geträumte eben nicht „real“ ist. Mit den neuen Brillen ist das nicht mehr möglich. Wer schon einmal eine VR-Brille tragen durfte und zusätzlich mit Kopfhörern den Sound der neuen Welt erlebt hat, weiß wie echt es sich anfühlt. Natürlich weiß man jederzeit, dass die Welt nicht echt ist (in der echten Welt kann man keine Pixel zählen), aber es fühlt sich schon sehr danach an, weil Seh- und Hörsinn komplett von dieser Realität überzeugt sind. Deswegen fällt es deutlich schwerer sich bei einem Horrorfilm klarzumachen, dass das Gesehene unwirklich ist, als bei Computerspiel oder Film.

Was uns an VR fesselt

Aber warum streben wir so sehr danach uns eine Realität zu erschaffen, die so wirkt wie die echte? Birgt das nicht viele Risiken? Sicherlich gibt es Risiken, deswegen wird es wichtig sein, dass man einen gesunden Umgang mit der Technik etabliert (wie mit allen technischen Neuerungen) und Regelungen sowohl für Kinder als auch für Erwachsene findet, sodass niemand seelische Schäden davonträgt und man trotzdem die Vorteile der VR nutzen kann.

Und warum wir uns eine möglichst reale Realität erschaffen möchten, liegt wohl in der Natur der Sache. Es ist nunmal im realen Leben so, dass unsere Handlungen Konsequenzen haben. Um es drastisch zu sagen, wer im echten Leben stirbt, steht nicht wieder auf (außer man ist religiös, aber auch dann wird der Mensch nicht mehr in derselben Form weiter existieren). Es ist sicherlich gut, dass es so ist, aber trotzdem schränkt es unseren Handlungsspielraum ein, da wir gewisse Dinge eben nicht „einfach mal ausprobieren“ können. In der virtuellen Realität geht das. Und je realistischer diese Wirklichkeit ist, desto besser kann ich Rückschlüsse auf die reale Realität ziehen.

Natürlich ist das Entdecken von fiktiven Welten ein wesentlicher Bestandteil der VR, aber dies ist wohl eher ein Ausleben unseres Spieltriebs, als dass wir uns dadurch erhoffen, Erfahrung für unser Leben zu gewinnen. Demgegenüber bietet eine realistische virtuelle Welt eben tatsächlich die Möglichkeit Neues zu lernen, dass von Relevanz für die Wirklichkeit ist.

Was überhaupt kann des Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist?

Dieses etwas nihilistische Zitat aus Milan Kunderas Roman „Die unterträgliche Leichtigkeit des Seins“, soll verdeutlichen, warum es so notwendig ist, dass wir einen Raum haben, wo wir proben können, um etwas über das Leben zu lernen. Denn es ist nunmal in der Tat so, dass jede Situation im Leben einzigartig ist. Fälle ich einmal eine Entscheidung, werde ich sie nicht mehr zurücknehmen können, weil es im Leben eben keine Taste zum Zurückspulen gibt.

Natürlich kann ich keine konkreten Situationen in der virtuellen Realität „trainieren“, weil virtuellen Situationen nie genau die Entscheidungen abbilden werden, die ich im echten Leben zu treffen habe. Also ist das Lernen, was ich meine, nicht das, was man im alltäglichen Sinn unter Lernen versteht. Es eher ein Entdecken von neuen Welten, ein Ausprobieren von neuen Möglichkeiten, was mir zwar kein direktes Wissen vermittelt, mit dem mir Entscheidungen im echten Leben leichter fallen würden, dafür meinen Geist stimuliert. Das kann heißen, dass ich in der VR Dinge ausprobiere, die ich mich nicht traue und eventuell dadurch meine Angst davor verliere. Eventuell inspirieren mich Eigenschaften der virtuellen Welt zu neuen Ideen und Gedanken, lassen mich etwas über mich selbst lernen oder sind mir einfach nur ein Ausgleich, um an einem Ort explizit ohne nachdenken zu müssen zu tun und zu lassen, was ich möchte. Ich denke, was man in der VR lernt, kann sehr unterschiedlich sein und ist höchst persönlich. Aber gerade die Tatsache, dass sie der echten Welt zum Täuschen ähnlich sein kann, aber von seiner Natur her grundverschieden, übt einen unglaublich Reiz auf die Menschen aus.

Die Realität – eine virtuelle Realität?

Der Reiz von VR ist unter anderem auch der, dass sie sich zwar von der Wirklichkeit unterscheidet, da man im Leben mehr Konsequenzen trägt, aber insofern der Wirklichkeit gleicht, als dass es auch hier ein Lernen gibt, welches so unspezifisch ist, wie das in der VR. Was ich damit meine, ist, dass uns die virtuelle Realität zeigt, dass unsere Wirklichkeit ebenso virtuell ist, wie die VR. Denn Menschen in der virtuellen Realität reagieren sehr unterschiedlich auf die „objektiven“ Gegebenheiten ihrer Umgebung und „lernen“ die unterschiedlichsten Dinge. Genauso verhält es sich auch mit unserer „Wirklichkeit“, denn auch hier gibt es „objektive“ Gegebenheit der Umwelt (eben die Welt wie sie ist) und trotzdem ist die Wahrnehmung derer und die Schlüsse, die Menschen daraus ziehen höchst unterschiedlich. Für uns alle ist zwar ein Baum ein Baum, aber für den einen sieht er furchteinflößend aus, für den anderen einladend.

Unsere Welt ist einfach nur eine von vielen möglichen virtuellen Realitäten. Das einzige, was sie von denen unterscheidet, die wir künstlich erschaffen, ist dass wir die Regeln dieser Welt akzeptieren müssen, da wir sie nicht ändern können. Eine Regel dieser Welt ist eben, dass wir nicht Zurückspulen können und Dinge wiederholen können. Damit müssen wir leben. Demgegenüber könnten wir die Realitäten, die wir erschaffen, so gestalten, dass man dort zurückspulen kann.